«Regelmässige Pausen schützen vor Überlastung. Plane Pausen wie deine Termine.»
Oliver packt aus.
Lange tat ich nur eins: Vollgas geben. Ich arbeitete täglich von früh bis spät. Ich hatte einen neuen Job als Sales Manager in der Schuhbranche und machte eine Ausbildung zum Verkaufsleiter. Ich wollte meine Arbeit perfekt machen. Und alles andere auch.
Dann kam die Corona-Pandemie. Sie brachte das Fass zum Überlaufen. Ich hatte Angst, meinen Job zu verlieren und meine Familie nicht mehr finanzieren zu können. Dieses Horrorszenario fand zwar nur in meinem Kopf statt, aber die Gedanken kreisten ununterbrochen. Ich litt an Schlafstörungen und später an Schwindel. An manchen Tagen fühlte ich mich wie betrunken. Trotzdem arbeitete ich weiter – bis zum Umfallen.
Als die Schwindelanfälle immer stärker wurden, ging ich zum Arzt. Doch er fand keine körperlichen Ursachen für meine Beschwerden. Er schickte mich zum Psychiater, der eine Erschöpfungsdepression diagnostizierte und mich für zwei Monate zu 100 Prozent krankschrieb.
Oliver packt an.
Ich erzählte meinem Chef von meiner Erschöpfungsdepression. Erfreulicherweise erhielt ich viel Verständnis und Unterstützung. Während der Zeit zu Hause und in Therapie telefonierte ich regelmässig mit meinem Vorgesetzten. So konnten wir uns gegenseitig auf dem Laufenden halten, was mir die Rückkehr an den Arbeitsplatz erleichterte.
Nach zwei Monaten Auszeit kehrte ich in einem 50-Prozent-Pensum in meinen Job zurück – und steigerte das Pensum schrittweise auf 100 Prozent. Es dauerte fast ein Jahr, bis ich wieder voll leistungsfähig war.
Oliver packt das.
Meine Krise hat mich viel gelehrt. Wenn man am Arbeitsplatz ehrlich kommuniziert, erhält man häufig viel Verständnis und Unterstützung. Wichtig ist zudem, sich selber regelmässig zu reflektieren und zu fragen: Mag ich mein Leben? Was muss ich ändern?
Heute nehme ich körperliche Alarmsignale wie Schlafprobleme oder Schwindel ernst. Ich baue ausreichend Pausen in meinen Tag ein, um Erschöpfung vorzubeugen. Ich habe mir lange überlegt, ob ich in der Öffentlichkeit über meine Depression und die Schamgefühle sprechen möchte. Ich hatte Angst, mich zu outen. Doch dann dachte ich: genau darum geht es in dieser Gesellschaft. Wir sollten über unsere psychischen Krisen und Krankheiten reden können wie über einen Beinbruch. Und psychologische Hilfe annehmen, so wie wir zum Hausarzt gehen.
Matthias Haag
Eingliederungsberater Invalidenversicherung SVA Aargau
«Wer bei der Arbeit ausfällt, sollte möglichst früh Kontakt mit der Invalidenversicherung aufnehmen. Sie unterstützt Betroffene und Arbeitgebende rund um die Rückkehr an den Arbeitsplatz.»
Wissen zum Einpacken.
- Olivers Erfahrung zeigt, dass es sich für den Arbeitgeber und den Arbeitnehmer lohnen kann, während einer Krankschreibung im Kontakt zu bleiben. So bleiben beide Seiten auf dem Laufenden, was den Wiedereinstieg bei der Arbeit erleichtert.
- Wer offen und ehrlich kommuniziert, erhält häufig Verständnis und Unterstützung von seinen Vorgesetzten und seinem Team. Das kann sehr erleichternd für alle sein.
- Unsere Erfahrung hat gezeigt: Wer nach einer längeren Krankschreibung an seinen Arbeitsplatz zurückkehrt, sollte langsam starten. Häufig ist es sinnvoll, das Arbeitspensum schrittweise zu steigern, um eine erneute Überlastung und ein erneutes Ausfallen bei der Arbeit zu vermeiden. Und sich langsam an den Arbeitsalltag gewöhnen zu können.