«Es gibt keinen Grund, sich zu schämen, wenn man psychologische Hilfe braucht.»
Jenny packt aus.
Manchmal fühle ich mich traurig, hoffnungslos, ängstlich und verzweifelt. Manchmal einfach nur leer und gleichgültig – so als würde kein Gefühl mehr zu mir durchdringen.
Im Herbst 2023 erlebte ich die stärkste Depression denn je. Viele grosse Veränderungen auf einmal, wie der Kauf eines Hauses und ein Jobwechsel, haben mich überlastet. Ich hatte das Gefühl, ohne psychologische Hilfe nicht mehr aus meinem Tief herauszukommen und beschloss, mich in einer Klinik behandeln zu lassen.
Jenny packt an.
Dank den Therapien fühlte ich mich bald besser. In der Klinik hatte ich Zeit, mich mit mir und meinem Leben zu befassen. Ich realisierte, dass mentale Genesung Zeit braucht. Auch bei einem Beinbruch sollte man das Bein nicht zu schnell wieder stark belasten. Und so ist es auch mit unserer Psyche.
Es half mir sehr, über das Thema Depression zu lesen und mit anderen Betroffenen, meinem Umfeld und meinem Arbeitgeber darüber zu sprechen. Lange Zeit schämte ich mich für meinen schlechten psychischen Zustand. Ich hatte das Gefühl, deswegen schwach zu sein. Ein «Sensibelchen» eben. Ich habe mich selbst stigmatisiert und hatte grosse Mühe aus dem Teufelskreis der Schamgefühle herauszukommen.
Ich bin genauso wenig schuld an meinen Depressionen wie man schuld an einem Beinbruch ist. Erst, als ich mich selbst nicht mehr verurteilt habe, liessen die Schamgefühle nach. Und dank offenen Gesprächen habe ich gemerkt, dass auch viele andere Menschen psychische Krisen erleben.
Jenny packt das.
Ich habe mir lange überlegt, ob ich in der Öffentlichkeit über meine Depression und die Schamgefühle sprechen möchte. Ich hatte Angst, mich zu outen. Doch dann dachte ich: genau darum geht es in dieser Gesellschaft. Wir sollten über unsere psychischen Krisen und Krankheiten reden können wie über einen Beinbruch. Und psychologische Hilfe annehmen, so wie wir zum Hausarzt gehen.
Vera Labay
Leitende Psychologin Klinik Barmelweid
«Wer psychisch stark belastet ist, sollte darüber reden und professionelle Hilfe annehmen.»
Wissen zum Einpacken.
- Eine stationäre Behandlung kann helfen, eine Krise zu überwinden. Denn Betroffene erhalten sehr intensive und individuelle therapeutische Unterstützung und können durch Erfahrungen, welche sie mit dem Team und anderen Patientinnen und Patienten machen, viel über sich selbst neu lernen.
- Schamgefühle können ein Hinweis darauf sein, dass wir das Gefühl haben, uns nicht so zeigen zu dürfen, wie wir sind. Das wiederum kann damit zusammenhängen, dass wir in unseren frühen Bindungserfahrungen diese Sicherheit nicht ausreichend erlebt haben. In der Psychotherapie können wir «üben», dass Selbstvertrauen eine berechtigte Eigenschaft und ein Gegenspieler von Scham ist.
- Wer psychisch stark belastet ist, sollte darüber reden und professionelle Hilfe annehmen. Dafür muss man sich nicht schämen. Wer eine körperliche Verletzung hat, geht auch zum Hausarzt. Unterschiedliche Probleme im Leben erfordern unterschiedliche Unterstützungsangebote.