Alessandra packt aus.

«Der Weg aus der Krise verläuft nicht gradlinig. Rückschritte sind normal. Aber nach schlechten Tagen kommen wieder bessere.»

Alessandra (51)

Alessandra packt aus.

Schlimmer kann es nicht werden, dachte ich am 4. Juni 2000. Es war der Tag, an dem mein Vater plötzlich starb. Ich stürzte in eine tiefe Trauer und übernahm die Verantwortung für die finanziellen Schulden unserer Familie.

Doch 2018 schlug das Schicksal erneut zu. Ich erhielt die Diagnose: Aneurysma im Gehirn. Das ist ein erweitertes Blutgefäss, das platzen und eine Hirnblutung verursachen kann. Meine Überlebenschancen lagen bei fünf Prozent. Ich musste baldmöglichst operiert werden. In den rund zwei Monaten, in denen ich auf den lebensrettenden Eingriff wartete, hatte ich Tag und Nacht Angst zu sterben.

Alessandra packt an.

Die Operation verlief zwar gut. Doch die Angst um mein Leben setzte mir psychisch zu. Ich fühlte mich oft müde, antriebslos und depressiv. Weder meine Freunde noch meine Familie konnten mir helfen, mental wieder stabiler zu werden. Die einzige Person, die das konnte, war ich selbst. Diese Erkenntnis war der Startschuss für meinen Genesungsprozess.

Alessandra packt das.

Jeden Tag tat ich mir Gutes. Ich ging raus in die Natur, schaute in den Himmel und kochte viel. Von einer bekannten italienischen TV-Kochsendung liess ich mich für neue Rezepte inspirieren.

Indem ich tat, was mir Freude bereitete, tankte ich neue Kraft. Klar, gab es noch Tage, an denen ich mich depressiv und hoffnungslos fühlte und mich überwinden musste, raus zu gehen oder zu kochen. Doch die schlechten Tage wurden mit der Zeit weniger. Und ich habe versucht, sie zu akzeptieren – im Wissen, dass auch wieder bessere Tage kommen.

Die psychische Krise sorgte zudem dafür, dass ich mir Gedanken über meine Werte machte – und für diese einstand. Freundschaften, die für mich nicht mehr passten, beendete ich. Das war zwar schwierig, aber für einen Neuanfang wichtig. Denn mein Umfeld hat einen grossen Einfluss auf mein Wohlbefinden. Beruflich wagte ich den Schritt in den Bildungsbereich, der mir sehr am Herzen liegt.

Die Veränderungen bewirkten viel Gutes. Es entstanden neue Freundschaften, Hobbys und berufliche Perspektiven, auf denen ich aufbauen konnte. Bis heute.

Alessandra packt aus.

PD Dr. med. Joram Ronel

Chefarzt Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Klinik Barmelweid

«Es ist wichtig, aktiv zu bleiben, auch wenn es dir gerade nicht gut geht. Bleibe mit deinem Umfeld in Kontakt.»

Wissen zum Einpacken.

  • Es ist beeindruckend, wie Alessandra ihre Krisen ohne professionelle Unterstützung überwinden konnte. Das gelingt nicht allen und muss auch nicht das Ziel sein. Es ist wichtig, sich Hilfe zu holen, wenn es alleine nicht geht.
  • Ängste sind normal und treten im Leben immer wieder auf. Sie dienen dem Überleben, indem sie unser Verhalten steuern. Doch belastende Lebensereignisse können Ängste verstärken oder ein Trauma verursachen.
  • In psychisch belastenden Zeiten solltest du nicht alleine sein. Rede auch mit nahestehenden Menschen über deine Probleme, das kann helfen.